Erstflug, Teil 2

6

Endlich, wir sind ready for take-off (korrekterweise ready for departure, aber das klingt weniger gut). Zusammen geben der Fluglehrer und ich Vollgas, während ich die Aufgabe, das zickige Fliegerlein in der Mitte der Piste zu halten, mit Freuden an den Fachmann neben mir delegiere. Das Motörchen vorne macht ordentlich Lärm, und bald rattern, hüpfen und schlingern wir über die Graspiste. 50 Knoten, rotieren! Bald erhält die italienische Lady ihre gewünschte Dosis Luft unter die Flügel, und beginnt uns in den Himmel zu tragen. Was für ein Gefühl! In diesem Moment scheint der Himmel riesengross, und ich winzig klein. Es eröffnet sich eine völlig neue Welt vor, und vor allem über mir. Eine wunderschöne Welt, aber auch eine furchteinflössende. Während in einem Affenzahn das Flugplatzrestaurant, erste Felder, Bäume und Bauernhöfe vorbeirasen, rasen mir nämlich tausend Dinge aus dem Theorieunterricht durch den Kopf, die ich jetzt doch eigentlich unbedingt tun, oder zumindest doch wissen und beachten müsste. Slipstream-Effekt, Vergaservereisung, negatives Wendemoment, Druckpunkt, Notlandefeld, Venturidüse, Strömungsabriss – Hilfe, eine ganze Welle an theoretischen Fachbegriffen kracht gerade über meinem Kopf zusammen. «Versuch, mit der Steigrate 70 Knoten zu halten», klingt es vom Nebensitz. Diese leichte Aufgabe klingt wie eine Befreiung, die mich aus der tosenden Welle reist – nichts leichter als das, das kriege ich hin!

 

Und während wir so die Lüfte erklimmen und mit irgendwas zwischen 66 und 74 Knoten dem Rhein entgegensteigen, scheinen auch all die tausend Dinge, die es nun zu beachten gälte oder die nun schiefgehen könnten, auf dem Boden zurückzubleiben und mit jedem gewonnenen Höhenmeter langsam an Bedeutung zu verlieren. Sie werden immer kleiner und sind schliesslich nichts weiter als ein grimmig dreinblickendes, Gnom-ähnliches Mönsterchen mit ganz viel schlechter Energie – ich nenne es den Theorie-Gremlin. Zwar geifert er mir vom Erdboden aus noch erzürnt nach und schwingt wild erregt sein Fäustchen in meine Richtung – aber je weiter ich steige, desto mehr verkommt er zu einem kleinen schwarzen Pünktchen, das mir nichts mehr anhaben kann, während ich erhaben davonfliege.

 

Bei mir oben stellt sich langsam ein Gefühl der Befreiung ein. Hier in der Luft fühlt sich nicht nur meine italienische Lady sichtlich viel wohler als am Boden, sondern auch ich gewöhne mich rasch an das neue Element und habe grossen Spass dabei, die gestellten Aufgaben möglichst gut zu erfliegen: Höhe halten, auf Kurs 240 drehen, Kurve links mit 15 Grad Querlage, Kurve rechts mit 30 Grad, leichter Sinkflug, etc. Da machen sich meine jahrelangen Flugsimulator-Sessions nun tatsächlich und endlich bezahlt, ich finde mich in den Instrumenten und Anzeigen rasch zurecht, weiss diese zu interpretieren und mit den entsprechenden Steuerinputs zu reagieren. So hatte ich mir das vorgestellt! Offenbar mache ich meine Sache auch recht gut, oder zumindest gibt mir der Fluglehrer neben mir das Gefühl, mit dem Gesehenen zufrieden und sogar fast etwas beeindruckt zu sein.

Er lässt mich sogar ein paar Manöver fliegen, die erst in späteren Lektionen auftauchen, Vollkreise und dergleichen – sie alle meistere ich doch recht ansehnlich. Als Grande Finale folgen dann noch ein paar Strömungsabrisse, genannt Stalls – der Zustand, bei dem man die Schubhebel gegen alle Instinkte einfach in den Leerlauf zurücknimmt und das Flugzeug solange seiner Geschwindigkeit beraubt, bis es irgendwann zu wenig davon hat um noch fliegen zu können, es den Auftrieb verliert, plötzlich zur Seite ausschert und absackt. Damit das nicht böse endet, sind dann ruckzuck die richtigen Gegenmanöver gefragt, und zwar subito, in der korrekten Abfolge, und im perfekten Moment – fünfminütiges Herumknobeln wie an der theoretischen Prüfung im Klassenzimmer in Bassersdorf ist nicht mehr. Musste man jetzt Gas geben, das Steuer drücken und der natürlichen Bewegung des Fliegers folgen? Oder genau umgekehrt? Oder das mit dem Gas geben, obwohl es so intuitiv scheint, sogar ganz weglassen, wegen mannigfaltiger negativer Nebeneffekte? Zack fühle ich, wie der vergnügt sabbernde, hämisch grinsende Theoriegremlin mit einem gewaltigen Satz von seiner Lauerposition am Erdboden zu mir emporspringt, und sich genüsslich in meinem Nacken festbeisst. Im nächsten Moment kippt der Flieger tatsächlich ab, der Magen rutscht kurzzeitig der Hirnregion entgegen, doch alsbald fängt sich die torkelnde italienische Diva wieder – ich habe offenbar instinktiv das Richtige getan. Oder Möglichkeit zwei, der Fluglehrer hat uns beiden kurz mal so das Leben gerettet, aber sich dabei nichts anmerken lassen.

 

Wenige Minuten später sind wir bereits wieder im Anflug auf unseren Heimatplatz, ich melde uns gar korrekt und speditiv am Funk an (nimm das, blöder Gremlin!) und halte unseren Flieger bis kurz vor der Landung einigermassen korrekt auf Kurs – der Abschluss ist dann natürlich Chefsache. 34 Minuten sind wir in der Luft gewesen. 34 Minuten, die sich meist wunderschön angefühlt hatten, weil ich genau das machen konnte, was ich immer machen wollte, genau das zeigen konnte, was ich mir über die Jahre im heimischen Kämmerlein schon angeeignet hatte, und vor allem auch der Verwirklichung meines Traums ein Stückchen nähergekommen bin. Mit dabei waren aber auch einige Momente, in denen ich mir im grossen Himmel eher verloren vorgekommen war, erdrückt von all der gelernten Theorie die es hier situativ richtig und punktgenau getimed anzuwenden gilt, ohne Netz und doppelten Boden. Aber für etwas habe ich ja noch 44 weitere Flug-Lern-Stunden vor mir. Auf in den Kampf also – Tankdeckel, Bremsenlenkung, Strömungsabrisse und mein geliebter Theoriegremlin, euch komme ich schon noch bei!

 

Und schon auf der Heimfahrt vom Flugplatz schüttle ich die nagenden Zweifel bald einmal ab, die Freude über das Erlebte und die Vorfreude auf das Kommende gewinnen die Überhand. Kurz später stehe ich an auf der Autobahn-Raststätte an der Kasse des Supermarkts, um mir ein Eis zu kaufen – das habe ich mir verdient! Zwei ungehobelte Jugendliche drängeln sich vor, eine weitere Gruppe schmeisst einen Karton Milch zu Boden, welcher natürlich sofort birst und mir meine schönen Jeans vollkleckert. Und als ich mich endlich bis zur Kassiererin vorgearbeitet habe, ist diese so mit dem penetrant-abstossenden Kauen ihres Kaugummis beschäftigt, dass sie mich keines Blickes würdigt geschweige mich denn grüsst oder gar freundlich anlächelt. Willkommen zurück im täglichen Wahnsinn. Aber oh Leute hier im Supermarkt, wenn ihr wüsstet, wo ich gerade war und wie schön ich es dort hatte. Ihr tut mir ja fast schon etwas leid. Aber nein, ihr könnt euch bemühen, wie ihr wollt: mein grosses freudiges Grinsen bekommt ihr heute trotzdem nicht mehr weg!