Erstflug, Teil 1

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Da steht sie nun also vor mir, die rassige italienische Lady, die mir das Fliegen beibringen soll. Nein, die Rede ist nicht von einer sonnengebrannten Fluglehrerin von südlich der Alpen, sondern von der Tecnam P2008JC HB-KMF – dem Flieger, in welchem meine fliegerische Karriere nun so richtig starten soll, und der mich die nächsten ungefähr hundert Stunden bitte sicher durch die Lüfte und meinem lange gehegten Lebenstraum entgegentragen soll.

Etwas skeptisch war ich ja schon, als ich einige Monate zuvor die Webseiten diverser Flugschulen durchstöbert hatte und bei der Motorfluggruppe Fricktal auf ebendiesen Flieger namens Tecnam gestossen war. Mit seinen schnittigen Proportionen, dem modernen Design und Baujahr 2008 stach er eindeutig hervor aus dem Einheitsbrei mehr oder weniger würdevoll alternder Cessnas und Pipers, welche die anderen Flugschulen so feilboten. Auch das modern ausgestattete Cockpit begeisterte mich – etwas Airlinerfeeling würde da bestimmt aufkommen, und vielleicht würde die frühe Gewöhnung an das Arbeiten mit all der Glascockpit-Technik ja irgendwann im Verlauf der späteren Karriere noch hilfreich sein. Aber so einen Exoten fliegen, zu dem man fast keine Testberichte findet? Und zu allem Übel einen Flieger aus Italien? Musste das sein? In meinem Kopf kreisten unablässig Bilder frührostender Fiats und dahinsiechender Lancias umher. Schliesslich rang ich mich dann aber doch durch, der italienischen Kiste eine Chance zu geben – irgendwo musste es ja eine Behörde gegeben haben, welche hinreichend sicher war, dass das Teil nicht bei jedem zweiten Flugversuch auseinander und irgendeinem armen unbeteiligten Passanten auf die Rübe fallen würde, und ihm daher die Zulassung ausgestellt hatte.

Umso mehr bin ich nun, da ich ihr erstmals Angesicht zu Angesicht gegenüberstehe, auf «meine» Tecnam gespannt. Als ich ihre sportlichen Proportionen und ansprechenden Rundungen beeindruckt aus der Nähe bewundere, tun mir die früheren Vorurteile ja fast leid. Ja, sie ist eine Schönheit! Doch dieses Verdikt kommt offensichtlich zu spät. Sie hat meine Zweifel längstens gerochen, und als würde sie mich als Retourkutsche necken wollen, wackelt sie in diesem Moment doch ziemlich furchteinflössend im auffrischenden Wind – als einziger Flieger auf dem Vorfeld notabene, die schweren Amischlitten hüben und drüben stehen bockstill. Aber meine Italienerin ist halt auch ein Leichtgewicht, und eine echt linienbewusste Lady – zeigt die Waage mal über 630 Kilo an, traut sie sich schon gar nicht mehr in die Luft. So schwer ist der nächstgrössere Schulungsflieger schon ohne Beladung, Piloten und einen einzigen Tropfen Sprit.

Sprit ist denn auch gleich das nächste Thema. Noch bevor ich in meiner Tecnam probesitzen darf, hetzt mich der Fluglehrer schon mit dem Tankschlauch auf die Leiter – 2x 20 Liter einfüllen bitte! Könnte mir mal jemand erklären, ob ich den Tankstutzen richtig halte? Ob ich den Treibstoff einfach so einfüllen kann, oder ob mir der im nächsten Moment unverhofft entgegenflutscht und mir vor den achtzig Augenpaaren im prall gefüllten Flughafenrestaurant eine kalte Dusche verpasst? Und überhaupt, wie man diesen vermaledeiten Tankdeckel überhaupt öffnet? Zehn Jahre Flugsimulator- und Branchenerfahrung habe ich, kenne die Flugnummern sämtlicher Swiss-Langstrecken, kann die Checkliste einer Boeing 737 auswendig, besuchte Flughäfen von Auckland bis Zaporizhia und kenne ihre Identifikationscodes (NZAA und UKDE), und habe schon über 600 Flüge als Airline-Passagier angesammelt. Doch hier dauert die Flugvorbereitung noch keine fünf Minuten, und schon werde ich auf dem linken Fuss erwischt und scheitere an einem widerspenstigen Tankdeckel? Das kann ja heiter werden!

Offensichtlich mache ich aber alles richtig, der Treibstoff fliesst und bleibt dann auch schön wo er soll, und letztendlich schaffe ich es gar, den doch ziemlich fummelig designten Tankdeckel (die Ingenieurskunst aus Bella Italia lässt grüssen…) wieder ordnungsgemäss anzubringen und zu verriegeln. Etwas, das scheinbar gar nicht ohne Tücken ist – wenige Tage später verliert ein Flugschüler besagten Tankdeckel (da nicht korrekt festgemacht) während des Fluges tatsächlich, was meinen Flieger für eine Woche groundet und mir ein paar wertvolle Flugstunden klaut.

So, jetzt geht’s aber ab in die Luft. Damit wir heute überhaupt noch die dritte Dimension erobern können, übernimmt der Fluglehrer alle Checks, mein nächster Einsatz folgt beim Rollen. Hier folgt bereits die nächste Ernüchterung – ein lenkbares Rad haben die perfiden Ingenieure der Tecnam nämlich auch nicht spendiert, und so kann die Kiste am Boden einzig durch gezieltes Bremsen mit dem linken bzw. rechten Rad gelenkt werden. Ojeh. Wie ich da so der Piste entgegenschlingere, muss von aussen zum Johlen aussehen – halt eben wie eine italienische Lady in Designerhacken mit 15cm-Absätzen, die sich nur dummerweise nicht auf dem Laufsteg zu Mailand promeniert, sondern im abschüssigen und windgepeitschten Schupfarter Acker.

 

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Tja, und wie der Start verläuft, und ob die italienische Lady in der Luft zur Zicke wird, das erfahrt ihr bald im zweiten Beitrag 🙂